Tod als Teil des Lebens erfahren
Der Umgang mit den Sterbenden wird zur einschneidenden Erfahrung - die Berufsziele ändern sich.
Lohmar— Sie sind 20 bis 27 Jahre alt, absolvieren gerade ihr freiwilliges soziales Jahr. Das Besondere daran: Acht Stunden täglich helfen sie Todkranke zu betreuen. Denn als Arbeitsplatz haben sie sich das Elisabeth-Hospiz in Deesem ausgesucht. Bereut hat es keiner der sechs jungen Männer und Frauen. Die Konfrontation mit dem Sterben ist zwar bedrückend, der Kontakt zu den Gästen, wie die Patienten genannt werden, dafür bereichernd, sind sie sich einig.
"Es macht glücklich, wenn sie einen anlächeln", sagt der Christoph (23) aus Bremen.
Vorher keine Ahnung
Krankenpfleger will er werden, ein Berufswunsch, der sich durch sein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) noch verfestigt hat. Ganz anders als bei der 20-jährigen Christina aus Much. Sie hat mit Fachhochschulreife das Gymnasium verlassen und wollte eine kaufmännische Ausbildung machen. Als sie keine Lehrstelle fand und eine Freundin ihr erzählte, ein FSJ im Hospiz absolvieren zu können, hat sie sich dort beworben und wurde nach einer "Probeschicht" genommen. Nach einem halben Jahr in der Einrichtung sagt sie rückblickend: "Ich kam direkt von der Schule, hatte keine Ahnung vom Leben." Das hat sich geändert - ebenso ihr Berufswunsch. Christina möchte Krankenschwester werden.
Der Bielefelder Jasper ist mit seinen 27 Jahren der Älteste in der Runde. Der Medizintechniker will ein Medizinstudium anhängen. Er löste mit der Ankündigung, ein soziales Jahr im Hospiz dazwischen zu schalten, im Familien- und Freundeskreis gelinde gesagt Verwunderung aus. Mit entsprechend "mulmigem Gefühl" trat er den Dienst an.
Am Anfang sei alles neu gewesen, die ständige Nähe zum Tod auch bedrückend. Da sei der Redebedarf abends in ihrer Wohngemeinschaft im Haus "Neusehland" gegenüber dem Hospiz groß gewesen. Der Name des ehemaligen kleinen Pflegeheims, in dem die FSJler ihre Zimmer haben, erwuchs aus dem Konzept "Jugend pro Hospiz", das in Deesem kreiert wurde: Die Jugendlichen werden in den erkenntnisreichen Prozess einbezogen, dass Sterben zum Leben gehört und gelangen so zu neuen Sichtweisen.
"Mit der Zeit", erzählt Jasper weiter, "wuchsen Erfahrung und Routine." Der künftige Arzt hält sich vor Augen, dass die Gäste schwer krank sind, dass er dazu da ist, ihnen ihre letzten Wochen so angenehm wie möglich zu gestalten. „Dann fällt es auch nicht mehr so schwer, sie gehen zu lassen.“ Regelmäßig werden die jungen Leute von ihrer Mentorin Angelika Burtscheidt zur Supervision eingeladen. Gemeinsam wird die wichtige Kunst eingeübt, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden und zu halten.
Eine Übung, die der 24-jährigen Polin Dorota am Anfang nicht glückte. Mit ihrer fröhlichen, offenen Art eroberte sie das Herz einer alten Dame im Sturm. Daraus entwickelte sich eine freundschaftliche Vertrautheit, die den Tod der Seniorin für Dorota zum schmerzlichen Ereignis machte. Als Folge entwickelte sie Angst vor Nähe; diesen Schmerz wollte sie nicht noch einmal erleben. Das hat sie inzwischen überwunden und zu ihrer Heiterkeit zurückgefunden.
Informatik war es nicht
Mit im Team sind noch die 25-jährige Russin Tatjana, die als Aupair nach Much kam und nach dem sozialen Jahr Anglistik studieren will. Und der 21-jährige Michael aus Bayreuth, der nach dem Fachabitur zwei Semester Informatik studierte, dann aber feststellte: Das ist es nicht. Er weiß noch nicht, ob er anschließend einen Pflegeberuf oder Sozialarbeit wählt.
Er und die anderen sind von den Bonner Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (IJGD) vermittelt worden; Christoph kam übers DRK. Die IJGDler erhalten monatlich 375 Euro, Christoph übers DRK 275 Euro. Um die jungen Leute finanziell unterstützen und Unterkunft bieten zu können, ist das Hospiz auf Spenden angewiesen. Dringendste "Baustelle" im Haus ist derzeit die Küche. "Wenn sich da ein Sponsor für eine neue Gebrauchte fände", hofft Michael.
Quelle: INGO LANG, Kölner Stadt-Anzeiger 11.03.2007
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